[20.02.2009]
Das Rückgrat der Arzneimittelversorgung
Namensartikel Dr. Trümper; Quelle: am puls - Magazin für Politik und Gesundheit vom 20.02.2009
Seit Jahren diskutiert die Apothekenbranche über eine Liberalisierung des deutschen Marktes: Obwohl die Mehrheit der europäischen Staaten das Fremd- und Mehrbesitzverbot für sinnvoll halten, befasst sich der EuGH derzeit mit der Rechtmäßigkeit der deutschen Regeln - der Schlussantrag des Generalanwalts erfolgt am 16. Dezember.
Doch ist die Liberalisierung wirklich das Allheilmittel für die finanziellen Probleme im Gesundheitsbereich? Wodurch entsteht der größte Nutzen für das Gesamtsystem? Und was macht volkswirtschaftlich Sinn? "Liberalisierung" steht für weniger Bürokratie und Leistungssteigerungen sowie gleichzeitig sinkende Kosten. Doch in letzter Zeit hat die Deregulierungsbewegung Kratzer abbekommen: Die Krise der Finanzmärkte hat deutlich gemacht, was passieren kann, wenn unter dem Deckmantel der Liberalisierung gemeinschaftlich genutzte Infrastrukturen für den kurzfristigen Gewinn Einzelner instrumentalisiert und so dauerhaft ausgehöhlt und zerstört werden. Es muss die richtige Balance gefunden werden zwischen volkswirtschaftlichen Aspekten und betrieblicher Effizienz, zwischen gesundheitspolitischen Zielen und ordnungspolitischen Regeln. Vor allem muss das Wohl der Patienten an oberster Stelle stehen. Der pharmazeutische Großhandel sichert die flächendeckende Arzneimittelversorgung in Deutschland - wie übrigens auch in der ganzen Welt - auf hohem Niveau. Er sorgt dafür, dass alle gelisteten Arzneimittel stets in der Apotheke erhältlich sind, und damit den Patienten erreichen. Die öffentliche Apotheke ist gesetzlich verpflichtet alle gängigen Artikel zu bevorraten. Doch je nach Standort und Größe kann sie nur 6.000 bis 10.000 Artikel im Lager halten. Mehr als 90 Prozent der Arzneimittel wären für die Patienten und Verbraucher kurzfristig nicht erhältlich, wenn es den Großhandel nicht gäbe. Er gewährleistet den Marktzugang für alle Arzneimittel und sichert damit die Vielfalt und den Wettbewerb im Arzneimittelmarkt. Vor allem kleine und mittlere Pharmahersteller könnten den Vertrieb an die rund 21.500 deutschen Apotheken aus eigener Kraft nicht leisten - zumindest nicht zu wettbewerbsfähigen Kosten. Nicht nur aus betriebswirtschaftlicher Sicht der Hersteller und Apotheken, auch volkswirtschaftlich betrachtet ist das gegenwärtige Distributionssystem mit der Bündelung der Bestellungen und Belieferungen durch den Großhandel das Optimum. In keinem anderen System ist die Summe der Transaktionskosten niedriger. Eine Aushöhlung des gegenwärtigen Distributionssystems würde die Kosten für die Mehrzahl der Hersteller und für alle Apotheken erhöhen - Mehrkosten, die letztendlich die Verbraucher über ihre Krankenkassenbeiträge tragen müssten. Damit auch in Zukunft die flächendeckende Arzneimittelversorgung in der bisherigen Qualität gesichert werden kann, brauchen wir Mindestregeln zum Schutz der gemeinschaftlichen Infrastrukturen. Die bereits vorhandenen Regulierungen funktionieren im Prinzip, sie müssen aber den veränderten Marktbedingungen angepasst werden und neuen Entwicklungen und Überlegungen Rechnung tragen. Der pharmazeutische Großhandel ist bereit, die pharmazeutischen Hersteller und Apotheken auch in Zukunft tatkräftig zu unterstützen und seine Leistungen entsprechend weiter auszubauen. THOMAS TRÜMPER Dr. Thomas Trümper wurde 1950 geboren. Seit 2006 führt er neben seiner Funktion als Vorstandsvorsitzender der ANZAG auch den Vorsitz des Bundesverbandes des pharmazeutischen Großhandeis (PHAGRO). Studium zum Diplomingenieur für Maschinenbau an der Technischen Universität in Karlsruhe, Promotion 1979. Von 1994 bis 1997 führte er das Vorstandsressort Betriebe und IT nachdem die Schulze GmbH in die neu gegründete Phoenix Pharmahandel AG überging. Bis 2003 war er selbstständiger Unternehmer im Maschinenbau.
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